EIN MANN, MITTE 50, AUF EINER PARKBANK:




Plötzlich war es vorbei.

Eben gerade.

Kurz vor Zehn.

Im Auto, auf dem Weg zu einem Treffen, an dem ich hätte teilnehmen sollen.  

Aber plötzlich ging es nicht mehr.

Plötzlich war alles anders.


Ich stand im Stau.

Auf dem Potsdamer Platz, umstellt von einer Horde von Luxus SUV’s mit Pseudo-Elektroantrieb.

Und plötzlich wusste ich, das ich so nicht weitermachen kann.


Plötzlich wusste ich, dass alles absolut sinnlos ist.

Und nicht nur sinnlos oder dumm.

Sondern schlimmer noch. Kriminell.

Weil wir wissen, was wir tun.


Plötzlich war mir klar, dass ich sofort aus all dem raus musste.

Raus aus der Verschwendung meiner Lebensenergie, raus aus der absurden Arbeit in der Kultur-Industrie, raus aus dem Wahn, dass wir einfach alle immer so weitermachen können und alles schon irgendwie werden wird.


Nein - nichts wird sich finden.

Es geht gerade absolut schief.

Und die streikenden Schüler und die plötzliche Entschlossenheit der jungen Generation ist beim besten Willen kein Hoffnungssignal, aufgrund dessen wir uns jetzt entspannt zurücklehnen können, sondern ein Ausdruck äußerster Verzweiflung und immer wütender werdenden Wut.


Ich kann da nicht länger zuschauen.

Ich muss endlich selbst Konsequenzen ziehen und … Stellung beziehen.  

Etwas tun…

Und nicht nur irgendetwas…

Sondern… etwas ganz Eindeutiges.

Etwas...  

Krasses.


Dann bin ich auf den Bürgersteig gefahren, habe das Auto abgestellt - und bin ausgestiegen.

Ende.

Das wars.

Ich habe alles hinter mir gelassen.

Meinen Elektro-Mietwagen, meine Termine, mein ganzes falsches Selbst als Filmproduzent in der Ablenkungs-Industrie.


Ich lief wie in Trance über den Potsdamer Platz, lief durch die Bier-Touristen-Hässlichkeit des Sony Center, überquerte die Tiergartenstrasse und drang durch das Dickicht ein in den Park.

Wie ein Tier auf der Flucht.

In den Schutz der Bäume.


Der Lärm der Stadt verebbte hinter mir.

Plötzlich war ich in einer anderen Welt.

Wasserfontainen unter Baumkronen.

Wiesen mit Baumbestand in der Morgensonne.

Hier und da ein Gärtner.

Hunde.

Spaziergänger.

Bänke.

Ich setzte mich und atmete aus.

Und dann wieder ein.

Und dann wieder aus.

Und wieder ein.

Atmen.

Damit fängt das neue Leben an.

Ich begann mich ganz und gar auf mein Atmen zu konzentrieren.

Eine lange Zeit dachte ich an gar nichts mehr.

Ich war nur da.

In der Sonne.

Mit geschlossenen Augen.

Atmend.


Später bemerkte ich, dass ich, seitdem ich das Auto verlassen hatte, reflexartig immer noch mein Telefon in der Hand hielt.

Plötzlich wusste ich, dass jetzt, in diesem Moment, etwas Neues begonnen hatte.

Ein neues Leben.

Jetzt ist alles anders.


Ich öffnete die Diktierfunktion auf dem IPhone, dachte noch einmal kurz nach - und dann sagte ich:


“Jetzt beginnt das richtige Leben.


Adieu!”


Und dann warf ich das Iphone in den See, der vor mir lag, in dem es mit einem endgültigen Geräusch versank.